Über das Böse

Gibt es das Böse an sich oder ist es eine Erfindung der Religionen? Und: Kann man das Böse im Menschen abschalten und Mitgefühl und Empathie einschalten?

Wieder einmal ist eine E-Mail der Anlass, dass ich mich erneut mit Empathie und Mitgefühl beschäftige. Es geht um das Böse in der Welt. Die Ereignisse um Aleppo und den Berliner Weihnachtsmarkt sind zeitlich nahe Beispiele für das Thema.

Bei Wikipedia finden wir folgende Definition: „Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.“ Des weiteren wird eine Unterscheidung von Empathie und Mitgefühl gemacht. Der Beitrag dort eignet sich als Einstieg zum Thema.

Für den Moralunterricht ist zusätzlich noch das Wissen um die Theodizee nötig. Hier geht es um folgende Überlegung, die von Lactanz überliefert wurde. Gott ist allmächtig. Wenn Gott allmächtig ist, warum gibt es dann das Böse? Liegt es an der fehlenden Allmacht? Dann ist Gott schwach, also nicht Gott. Will Gott aber das Böse, dann ist er missgünstig, also nicht all-gütig, also ist er nicht Gott. Wenn aber Gott das Böse verhindern will und es auch kann, warum gibt es dann das Böse in der Welt?

Gut und böse
Gut & Böse – Quelle: johnhain, Pixabay

Darüber hinaus gibt es noch die Überlegung, dass Gott allwissend ist. Wenn aber Gott das Böse kennt und zulässt, dann sind Menschen, die das Böse in die Welt setzen, dazu verdammt, es ist ihr Schicksal. Sie können nichts anderes tun, als Unheil und Verderben in die Welt zu bringen. Zuletzt müssen wir noch eine weitere Unterscheidung machen. Existiert das Böse „an sich“, also objektiv und ohne unser Zutun? Oder ist das Böse ein Produkt unserer Welt „für sich“, ist das Böse ein Produkt unserer Kultur, ist es also eine Zuschreibung (eine Erfindung der Religionen).

Im Moralunterricht in der 10. Klasse an Bayerischen Gymnasien kann man durchaus dieses Basiswissen als Einstieg in eine Diskussion ansetzen, um anschließend Fragen kompetent zu bearbeiten.

Beginnen wir mit Empathie und Mitgefühl. Beides soll im Ethikunterricht erlernt, wachgerufen oder irgendwie hergestellt werden. Meist durch Rollenspiele. Empathie kann aber vorgetäuscht werden. Menschen sind nun mal begabte Rollenspieler und wenn es um Noten geht, dann erst recht. Als Katalysator und Indikator fürs „Empathie-Lernen“ sind Rollenspiele also wenig aussagekräftig. Psychologen sagen, dass man automatisch „mitfühlt“, wenn man sieht, dass jemand leidet und zwar so, als ob man selbst leidet. Wenn etwas automatisch funktioniert, dann brauche ich es aber nicht lernen.

Nun zum Mitgefühl. Hier geht es nicht nur ums Verstehen, ums Nachempfinden. Hier geht es ums Helfen, z.B. jemanden trösten. Auch das kann man lernen, aber auch vorspielen. Wenn die Methode des Rollenspiels erfolgreich wäre, dann dürfte es in keiner Klasse an Bayerischen Gymnasien gruppendynamische Probleme geben. Dann müssten alle Kriminellen geläutert die Haft verlassen: voll resozialisiert. Dem ist aber nicht so.

Nun zum zweiten Punkt der Überlegungen: Gibt es das „Böse“ als unveränderliche Erscheinung in Person von Menschen, die schlicht und einfach nur das Böse wollen? Für Christen gibt es das „Böse“, aber auch die Rettung durch den Glauben und insbesondere durch Jesus. Das erklärt zwar nicht unsere Probleme, aber es schafft Hoffnung durch Liebe. In aussichtslosen Situationen ist das sehr viel, eigentlich unverzichtbar.
Atheisten können das „Böse“ als kulturelle Zuschreibung erklären. Dann gibt es aber Probleme mit der Verantwortung für das Handeln des bösen Menschen. Michael Schmidt-Salomon hat in „Jenseits von Gut und Böse“ den Versuch gemacht, das Böse als Erfindung der Religionen zu erklären und die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Seiner Argumentation kann ich nur schwer folgen.

Dies ist der zweite Beitrag im Blog, den ich nicht mit einer moralischen Einsicht abschließe. Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse sind reichhaltig, aber auch widersprüchlich. Kinder haben es bei diesem Thema vielleicht noch etwas leichter mit einer Antwort. Wenn man noch sehr jung ist, kann man Harry Potter zitieren. Dort gab es das Böse. Und es wurde besiegt.

tmd.

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