Umweltethik, Macht und Wirtschaftswachstum

Im ersten Teil der „Everflame“-Trilogie von Josephine Angelini kommt es ab Seite 411 zu einem interessanten Dialog zwischen drei zum Tode verurteilten Wissenschaftlern auf der einen Seite und der Anklage und dem Gericht auf der anderen. Man muss hierbei wissen, dass diese Geschichte hauptsächlich in einer Welt spielt, in der Hexen an den Schaltstellen der Macht sitzen.

(Anmerkung: Ältere Berufsleser sind vielleicht erstaunt, dass ich dieses Beispiel wähle, aber Fantasy-Literatur ist bei meinen SuS sehr beliebt, und die verstehen deshalb auch sofort, worüber ich schreibe.)

Zurück zum Buch: In dieser Welt lösen die Hexen alle Probleme mit – ja, natürlich mit Magie und Hexerei. Und diese Lösungen sind nachhaltig und verursachen keine „negativen externen Effekte“. Das heißt, wenn Energie erzeugt wird und verbraucht wird, dann rückstandsfrei. Wo ist nun das Problem? Für die Energieerzeugung sind letztlich die Hexen zuständig, aber die sind zahlenmäßig in der Minderheit. Außerdem haben die Hexen zu befürchten, dass die „Normalbevölkerung“ durch den Einsatz von Wissenschaft sich unabhängig macht von den Hexen. Das würde das Ende der Hexen bedeuten. Auch diese Welt hat also ein Energieproblem. Das Energieproblem wollen Wissenschaftler in dieser Hexen-Welt lösen mit konventioneller Energieerzeugung (Kernenergie), so wie in unserer Welt.

Aber diese Energieerzeugung ist nicht nachhaltig und auch nicht rückstandsfrei. Auch weiß man in dieser Welt, die von Hexen regiert wird, dass die Kernkraft sehr gefährlich ist. Deshalb wird die Arbeit der Wissenschaften unter Höchststrafe gestellt. Die Hexen sagen, das sei unmoralisch, was die Wissenschaftler machen. Die Wissenschaftler halten dagegen. Energieerzeugung und -verteilung muss demokratisch und nach Marktgesetzen funktionieren. Die Wissenschaftler sagen weiter, dass die Hexen die Energieerzeugung als Machtmittel einsetzen, die Menschen die Energie aber unabhängig von den Hexen „jetzt“ brauchen.

Konsumtempel
Konsum; besser verzichten? – Quelle: CarolCarter, Pixabay

Dieser Fantasy-Roman hält uns einen Spiegel vor. Wir erzeugen Energie und Nahrung nach Marktgesetzen. Dabei zerstören wir unsere Umwelt. Jedes Land auf unserem Planeten macht für sich geltend, dass es ein Recht habe, unbeschränkt Energie zu erzeugen und damit Raubbau an der Umwelt zu treiben. Aber als Alternative haben wir nicht, wie in „Everflame“, die Magie, es gibt auch keine allmächtigen Hexen als Notfallplan B, sondern wir haben nur die Illusion, dass unser Raubbau an der Erde irgendwie ökologisch-nachhaltig gestaltet werden kann. Man muss nur genug Wissenschaft einsetzten, heißt es. Dort, wo Wissenschaft die Zerstörung der Umwelt aufhält – und zwar nachweisbar -, dort ist sie nicht profitabel.

Beispiel: die Renaturierung von Mooren. Damit kann man kein Geld verdienen, höchstens Überschwemmungen in der Region minimieren. Das freut den Steuerzahler, der die Katastropheneinsätze nicht bezahlen muss. Aber zunächst einmal muss er die Renaturierung bezahlen. Aber es gibt Ansätze zur Lösung des Problems. Die sind freilich unspektakulär und wenig medial geeignet und sehr individuell: Konsum-Bescheidenheit. Umweltschutz ist derart eng mit dem globalen Wirtschaftswachstum verbunden, dass man es nicht getrennt voneinander sehen kann.

tmd.

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