Wahrheit und Wahrnehmung

Wahre Aussagen, die mit Hilfe der Vernunft zustande kommen, müssen gerechtfertigt werden. Anderes ist nicht möglich. Einem bodenständigen Empiriker ist das zu wenig. Woher bekommt die Vernunft ihr Futter für die Konstruktion der Welt und Wirklichkeit? Jetzt können die Empiriker triumphieren: über die sinnliche Wahrnehmung!

Aber wie geht das? Wir sehen einen Baum in der Landschaft. Jetzt müssen Empiriker irgendwie nachweisen können, dass sich im Gehirn dessen, der den Baum sieht, ein Abbild des Baumes bildet. Die Rationalisten sagen, dass man dazu Kategorien und Raum und Zeit benötigt. Und sie sagen, dass man Kategorien und Raum und Zeit nicht losgelöst von der Wahrnehmung wahrnehmen kann. Wir wenden sie an und bemerken, dass sie vorhanden sind. Mehr geht nicht.

Baum mit Abendhimmel
Wahrnehmung Baum – Quelle: Bessi, Pixabay

Halt!, rufen die Empiriker. Das verfälscht unzulässig die Wahrnehmung. Viel besser wäre es doch, wenn wir alle Sinneseindrücke wie auf einer Festplatte ablegen und im entscheidenden Augenblick das Gespeicherte mit neuen Sinneseindrücken vergleichen. Der Ansatz ist nicht schlecht. Es bleibt aber die Frage: Welche Konsequenzen ziehe ich aus all diesen Vergleichen von gespeicherten und neuen Sinneseindrücken? Nach welcher Methode vergleiche ich? Und überhaupt: Wie ist es möglich, dass unterschiedliche Menschen einen Baum sehen und sich über ihn in Kommunikation austauschen können in einer Art und Weise, dass beide sicher sind, dass sie den gleichen Baum sehen?

Um es kurz zu machen, auch die bodenständigen Materialisten können nicht anders, als irgendwann Beweggründe einzuführen, warum wir Menschen Wahrnehmung methodisch verarbeiten und uns mitteilen können. Der Primatenforscher Michael Tomasello hat hier Grundlagen geschaffen. Er konnte plausibel machen, dass Menschen Sprache lernen durch das gleichzeitige Zeigen und Benennen von Objekten.

Aber auch hier muss ein angeborenes Bedürfnis des Menschen zum sozialen Verhalten unterstellt werden. Menschen wollen gemeinsam Wahrnehmung erleben und teilen. Wahrnehmung – auch die durch die Ratio gefilterte – braucht den Menschen als ein soziales und politisches Wesen. Offen bleibt hier die Frage: Welchen Stellenwert hat hier die Wahrheit? Veritas est adaequatio intellectus et rei. Thomas von Aquin hat das gesagt.

tmd.

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