Wir alle spielen Theater – Teil 1

(Anm.: Die Überschrift dieses Beitrags bezieht sich auf den Titel der deutschen Übersetzung des Soziologie-Klassikers von Erving Goffman, The Presentation of Self in Everyday Life, 1959)

Im Folgenden ist das Basiswissen zum Thema soziale Rolle zusammengefasst. Dabei ist der Bezug zum moralischen Handeln ausgeblendet. Das wird in einem anderen Beitrag erfolgen. Hier geht es nur darum, zu verstehen, dass soziale Rollen nicht angeboren sind, sondern Eigenleistungen von Menschen sind.

Theater, Rolle spielen
Spiel deine Rolle – Quelle: Unsplash, Pixabay

Seine Rollen muss man spielen, wie ein Schauspieler.

Unsere Erwartungen an die Handlungen anderer Menschen entsprechen den Leistungen, die diese anderen Menschen für uns erbringen sollen. Unsere Leistungen anderen Menschen gegenüber entsprechen folglich den Erwartungen, die von anderen Menschen an uns gerichtet werden. Leistungen und Erwartungen sind also wechselseitig aufeinander bezogen.

Man kann Erwartungen, die sich nicht widersprechen (also nichts Widersprüchliches verlangen) zu sogenannten Erwartungsbündeln zusammenfassen. Diese Erwartungsbündel sind soziale Rollen. Sozial sind diese Rollen deswegen, weil sie uns nicht von Natur gegeben sind, sondern von Menschen gemacht wurden und werden. (Achtung! Rollen ändern sich auch.)

Soziale Rollen – also die gebündelten Erwartungen/Leistungen – können von Menschen übernommen werden oder auch nicht. Wenn ich sie aber übernehme, dann wird von mir erwartet, dass ich die Leistungen, die zu den Erwartungen gehören, auch erbringe.

Beispiel: Schüler/in am Gymnasium. Wer hier mitmachen will, der muss sich an die Regeln halten. Ansonsten wird er für die enttäuschten Erwartungen (keine Leistungen erbringen) bestraft (fachsprachlich: sanktioniert). Im Klartext: Er muss die Schule wegen fehlender Leistungen verlassen. Leistungen sind hier Noten, aber auch angemessenes Verhalten.
Beispiel Berufsleben: Wer sein Geld mit Arbeit in einer frei gewählten Tätigkeit verdienen will, der muss die verlangten Leistungen erbringen, ansonsten wird ihm gekündigt, weil er die Erwartungen enttäuscht hat.

Werden die Leistungen nicht erbracht, dann kommt es also zu Sanktionen (Bestrafungen). Werden die Leistungen erbracht, dann folgen Gratifikationen (Belohnungen). Sanktionen und Gratifikationen stabilisieren das soziale Rollenverhalten. Die Menschen können sich also zunächst darauf verlassen, dass sich alle wechselseitig an die vereinbarten Erwartungen und Leistungen halten.

Jeder Mensch steht aber auch im Zentrum von unterschiedlichen Erwartungen, die zu entsprechenden Erwartungsbündeln, also sozialen Rollen gehören. Man nennt das „das Spannungsfeld der Erwartungen“.
Beispiel: Rolle als berufstätige Mutter, eventuell auch alleinerziehend. Sind die Kinder krank, sieht sie sich widersprechenden Erwartungen gegenüber. Der Arbeitgeber will ihre Arbeitskraft. Ihre Kinder brauchen sie auch.

Was lernen wir?
Rollenverhalten und eine Rolle spielen, das ist nicht angeboren, das muss gelernt werden. Man muss seine Rolle bewusst spielen und Distanz zu seiner Rolle haben (wie ein Schauspieler), damit man sich nicht sklavisch an die Rolle gebunden fühlt, sondern sie eigenverantwortlich auch verändern kann. Denn: Rollenverhalten ist eine Eigenleistung des Menschen.

tmd.

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