Wir alle spielen Theater – Teil 4

Erving Goffman hat in seinem Klassiker der Soziologie „The Presentation of Self in Everyday Life“ den Vergleich mit dem Theater aufgemacht. Verwendet man diese Perspektive, dann gibt es einen „Nicht-Spieler“ eigentlich nicht. Denn Menschen müssen Rollen annehmen und verwenden, weil es außerhalb von Rollenübernahme kein soziales Zusammensein gibt. Erwartungen, die wir an andere stellen, Leistungen, die wir für andere erbringen, das ist der „Kitt der Gesellschaft“.
Aber Goffman kannte die philosophische Diskussion um die Frage, ob es hinter den Rollenmasken einen „eigentlichen“ Menschen gibt. Einen, der echt und unverstellt ist.

Goffman löst das Problem damit, dass er das „Aussteigen“ aus einer Rolle nicht als die Ausnahme, sondern als die Normalität beschreibt.
Wir alle wechseln ständig die Rollen. Wir sind Arbeitnehmer, Eltern, Freunde, Kameraden usw. Das Besondere daran ist, wir können schwerlich zwei Rollen parallel spielen. Ich will das an einem einfachen Beispiel erklären.

Der Kabarettist Matthias Riechling spielte in seinen Sketchen häufig zwei verschiedene Personen, die miteinander im Gespräch waren. Dabei schlüpfte er jeweils in die eine oder andere Rolle der beiden Gesprächspartner und zeigte den Wechsel seinem Publikum an, indem er Gestik, Sprache und Mimik auffällig veränderte. Er hat seinen Rollenwechsel also angezeigt, signalisiert. Und: Sein Publikum machte mit, es spielte die Rolle des Publikums. Genau das wird von ihm erwartet.
Das lässt sich auf das Alltagsleben übertragen. Wir spielen eine bestimmte Rolle vor einem bestimmten Publikum. Spielen wir die falsche Rolle (eine, die zu einem anderen Publikum passt), dann reagiert das Publikum mit Sanktionen.

Wie verhält es sich nun mit dem „Nicht-Spieler“. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten.

  • Der Nichtspieler fällt buchstäblich „aus der Rolle“. Das heißt, wir haben bestimmte Leistungen von ihm erwartet, die er nicht erbringt. Er hat die Spielregeln verletzt. Sanktionen sind die Folge, wenn er nicht in seine Rolle zurückkehrt oder eine andere, vom Publikum akzeptierte, Rolle einnimmt.
  • Der Nichtspieler signalisiert seinem Publikum, dass er die von ihm erwartete Rolle verlassen wird. Seine Ankündigung ist: „Ich spiele jetzt eine andere Rolle.“ Beispiele sind: der Schauspieler, der Provokateur, der „ich bin dann mal weg“-Typ.

Was sehen wir? Auch der Nichtspieler übernimmt wieder eine Rolle, im für ihn günstigen Fall eine neue Rolle oder eine Rolle, die eine andere Rolle stark verändert, wobei das Publikum mitspielt. Im Falle des „ich bin dann mal weg“-Typ wurde aus der Rolle des „Nicht-Mitspielers“ eine vom Publikum voll akzeptierte neue Rolle. Das ist ein Fall von erfolgreicher Rollengestaltung.

tmd.

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