Wir alle spielen Theater – Teil 5

Rollenfindung ist ein Pokerspiel mit vollem Einsatz, aber mit meist miesem Blatt.

Der moralische Aspekt sozialer Rollen wird sichtbar, wenn es um die Wertung verschiedener oder ähnlicher Rollen geht. Die Wertung ist jedoch nicht etwa ein Vorgang, den ich mir erlaube oder auch nicht. Die Wertungen von Rollen sind im Prozess der Sozialisation mit eingebaut und sind Teil der Rolle. Sozialisation heißt hier allgemein die Verinnerlichung von Normen, Werten und Regeln, sowie die damit verbundene Identitätsbildung. Damit wird die Frage beantwortet, wer bin ich eigentlich? (Die eher schizophrene Sicht, „wie viele“ man sei, diskutiere ich hier nicht.)

Die Schlüsselwörter dazu sind Rollenzuschreibung, Rollenübernahme und Rollengestaltung.

Die beiden ersten Begriffe stehen für einen passiven Umgang mit der eigenen Rolle, wobei die Zuschreibung mir praktisch keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten lässt, die Rolle zu übernehmen oder nicht. An eine Gestaltung der Rolle ist überhaupt nicht zu denken.
Rollengestaltung ist die aktive Funktion in der Sozialisation. Hier nutze ich das Spiel mit Leistungen und Erwartungen. Dabei muss ich die Erwartungen der Mitmenschen vorsichtig enttäuschen und verändern.
Beispiele: Vor 50 Jahren war es selten, dass sich Väter um die Kinder gekümmert haben. Über die Rolle des „Hausmanns“ wurden in den Geisteswissenschaften Diplomarbeiten geschrieben mit Fallstudien. Solche Männer mussten sich gegen die Erwartungen der anderen Männer, aber auch der Frauen durchsetzen. Rollengestaltung, -zuschreibung und -übernahme sind Teile des Identitäsfindungsprozesses. Das heißt, sie sind keine Spielerei, auch wenn in Anlehnung an Goffman von Rollenspiel die Rede ist.

Spielkarten mischen
Die Karten werden gemischt – Quelle: 955169, Pixabay

Für Kinder und Jugendliche ist die Rollenfindung eine Angelegenheit, bei der mit vollem Einsatz gespielt wird. Es gibt zwar „Versuch und Irrtum“, aber jeder Irrtum wird brutal sanktioniert – insbesondere von den Gleichaltrigen. Nur so ist das Verhalten von Kindern in der Pubertät angemessen einzuordnen. In dieser Phase des Lebens wird „hoch gepokert“ – meist mit einem echt „miesen Blatt“. Aber hier geht es eben auch um Rollengestaltung. Ein hoch riskantes Unternehmen ist das.
Der Film „TomBoy“ von Céline Sciamma zeigt die Suche nach der eigenen Identität sehr einfühlsam. Er zeigt aber auch die Hilflosigkeit der Erwachsenen und erst recht die der Kinder bei und in diesem Prozess.
Gleiches Lob gilt der von Lisa Williamson geschriebenen Geschichte „Zusammen werden wir leuchten“. Eine Transgender-Geschichte, die zeigt, wie brüchig und riskant Identitätsbildung ist.

Selbst der Umgang mit Literatur zu dem Thema zeigt die Unsicherheit der Jugendlichen. Das Angebot (im Unterricht), „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ von Benjamin Alire Sáenz zu lesen und darüber zu berichten, wurde von Jungs abgelehnt, nur die Mädels waren neugierig, mehr über die Freundschaft zweier Jungs zu erfahren. Eine mögliche Erklärung: Mädchen erleben die Phase des Transits als Erweiterung und Bereicherung ihrer Rolle. Jungs sehen sie eher als Bedrohung ihrer phantasierten Männlichkeit.

Damit ist die Serie „Wir alle spielen Theater“ abgeschlossen.

tmd.

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