Wir müssen lernen, Normenkollisionen auszuhalten

Münze, Acropolis
Jede Münze hat zwei Seiten – Quelle: BITLAKE, Pixabay

Gewissensmissbrauch und Dilemma-Geschichten sind eigentlich zwei Seiten einer Münze. Dass es hier einen Zusammenhang gibt, sieht man nicht sofort, weil die meisten Dilemma-Geschichten auf der „Vernunft-Ebene“ diskutiert werden und die Funktion des Gewissens nicht thematisiert wird.

Ein Beispiel: Karl ist Biochemiker, verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau ist arbeitslos und kümmert sich um die Kinder. Beide leben ökologisch-alternativ. Die Firma, für die Karl arbeitet, wird von einem internationalen Konzern aufgekauft. Karl steht vor der Entscheidung, entweder im Labor Tierversuche zu machen, oder arbeitslos zu werden.
Soweit die Dilemma-Geschichte mit den bekannten Problemen. Zwei Entscheidungen mit den üblichen Begründungen. Eigentlich nichts Neues.
Karl will weiter alternativ leben, aber er will auch nicht arbeitslos werden. Er kann seine Entscheidung rechtfertigen und … hat ein schlechtes Gewissen. Die Rechtfertigung war eigentlich ein Missbrauch seines Gewissens. Doch halt! Kann er überhaupt irgendwie ein gutes Gewissen haben? Nein! Wie er auch entscheidet, immer verhält er sich irgendwie moralisch daneben.

Und nun wenden wir uns mal den Inhalten zu, die in den meisten Lehrbüchern zum Thema Gewissensmissbrauch referiert werden. Da heißt es, dass Menschen ihr unmoralisches Handeln irgendwie begründen mit „beschönigen, rationalisieren usw.“. Selbstverständlich kommt sofort die Geschichte mit dem Nationalsozialismus. Und damit ist das Thema beendet, die Formen des Missbrauchs werden auswendig gelernt und wieder vergessen.

Genau an diesem Punkt wird das kritische Denken plötzlich ausgeschaltet. Verfolgen wir deshalb nochmal den Gedankengang: Menschen im Nationalsozialismus sehen, dass Juden verschwinden. Sie hören, dass es Konzentrationslager gibt. Sie wissen, dass ihnen das gleiche Schicksal droht, wenn sie den Juden helfen. Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihnen nicht helfen.

Wir unterstellen aber sofort: Die wollten nicht helfen und suchen nach einer Entschuldigung. Genau das aber wissen wir nicht. Aus unserer komfortablen Situation heraus lässt sich hier leicht über Gewissensmissbrauch reden und über die Betroffenen urteilen.
Also: Wenn wir schon moralisches Handeln im Gedankenexperiment einüben wollen – denn nichts anderes machen wir im Schonraum Schule – dann müssen wir auch die Randbedingungen und Rahmenbedingungen mit in Rechnung stellen.

Wenn wir das bedenken, dann bekommen die Floskeln zum Gewissensmissbrauch (rationalisieren, verleugnen usw.) sofort eine andere Qualität. Es sind Begründungen für Entscheidungen in einem moralischen Dilemma.

Die Geschichten der Wehrmachtsoldaten über ihre Erlebnisse sind Legion von solchen Rechtfertigungen. Damit werden die Taten nicht entschuldigt, sondern aus einer anderen Perspektive in Augenschein genommen. Einer Perspektive, die die Bedeutung moralischer Entscheidungen grell ausleuchtet und die Tragödie des moralischen Handelns bewusst macht. Wir machen uns schuldig, egal wie wir uns entscheiden. C.G. Jung meinte genau diese Entscheidungen, wenn er davon sprach, dass der Mensch lernen muss, Normenkollisionen auszuhalten. Bei einer solchen Kollision fühlt man sich wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn. Man zweifelt daran, auf dem richtigen Weg zu sein.

Wenig zielführend ist jedoch, im Gedankenexperiment Heldenpositionen einzunehmen.

tmd.

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