Zwischen Freiheit und Diktatur – Zur Rettung der politischen Philosophie von J.J.R.

Jean Jacques Rousseau gehört zu den politischen Philosophen, die leider immer wieder – besonders in Prüfungsvorbereitungen – auf einige Schlagworte reduziert werden. Bei J.J.R. ist das der Naturzustand, der Gesamt- und der Gemeinwille. Meist soll dann noch ein Vergleich zu Hobbes hergestellt werden, und das war es dann. Was dabei raus kommt, ist Äpfel mit Birnen vergleichen. Da könnte man auch die „Adler“, Deutschlands erste Dampflokomotive, mit einem Intercity vergleichen.
Es wird so getan, als ob unsere SuS nicht selbst denken können.
Das schematische Vergleichen, um damit irgendwelche abstrusen Prüfungsfragen zu entwickeln oder Folien mit Tabellen zu produzieren, führt dazu, das J.J.R. – genauso wie Hobbes – zur Lachnummer der politischen Philosophie verkommen.

Das ist alles nur noch bedauerlich und peinlich zugleich. Das Erkenntnisinteresse von J.J.R. rückt dadurch vollkommen in den Hintergrund.

Und: Das hat J.J.R. nicht verdient. Er hat mit Thomas Hobbes und David Hume, (der aus unerfindlichen Gründen, im Lehrplan nur eine Nebenrolle spielt, aber doch so wichtig wäre), dafür gesorgt, dass Kant – unser deutscher Großmeister – weiter machen und denken konnte.
Bei J.J.R. stehen also das Gedankenexperiment zum Naturzustand des Menschen, sein Menschenbild und das Suchen und Finden des Gemeinwillens im Vordergrund. Daran kann man sich dann abarbeiten und viel Ungereimtes finden, Sonderbares und Widersprüchliches. Letztlich hat man den Eindruck, dass da vieles noch nicht richtig durchdacht war.

Das stimmt einerseits, weil J.J.R. sich über Umsetzung des Gemeinwillens nicht die wirklich letzten Gedanken gemacht hat. Andererseits hat er in seinen Schriften vermerkt, dass manches wohl nicht so funktionieren wird, wie erdacht.

Was also tun? Klarheit schaffen!

Ich will also genau das versuchen. Als Grundlage dienen meine früheren Beitrage zu J.J.R. in diesem Blog. Es gibt einen Absatz aus seiner Schrift „Der Gesellschaftsvertrag“, der wohl in den meisten Ethikbüchern abgedruckt ist. Den sollte man aber auch aufmerksam lesen!

„Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Banden. Mancher hält sich für den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie. Wie hat sich diese Umwandlung zugetragen? Ich weiß es nicht. Was kann ihr Rechtmäßigkeit verleihen? Diese Frage glaube ich beantworten zu können.“

Der Leitgedanke von J.J.R. ist: die Legitimation von Herrschaft.
Er schreibt: „Was kann ihr Rechtmäßigkeit verleihen.“ Mit „ihr“ meint er die Herrschaft! Es geht nicht um Naturzustand, nicht um irgend ein Gedankenexperiment, es geht um Herrschaft, wer sie ausübt und wie der Mensch dabei seine Freiheit behält.

Herrschaft und die Kunst, frei zu bleiben – Quelle: geralt, Pixabay

Merke: Nur in diesem Punkt gibt es Vergleichsmöglichkeiten mit Hobbes und Kant. Der Vergleich ist aber beinahe trivial! Es gibt keine Unterschiede! Der freie und gleiche Bürger soll Herrschaft ausüben. Punkt! Nichts anderes! Und jetzt kommen die unterschiedlichen Begründungen, die natürlich historisch bedingt sind. Menschen versuchen das Gleiche mit unterschiedlichen Begründungen zu rechtfertigen. Mehr nicht!
Und darüber sollen dann Prüfungen geschrieben werden. Über eine Nebensache, die nur Wissenschaftshistoriker interessieren. Dort haben sie natürlich eine immense Bedeutung. Aber nicht beim Thema Moral im Ethikunterricht.

Hier geht es bei den drei Philosophen-Titanen um den Versuch, den Menschen in seine Rechte zu setzen. Nicht mehr Herrschaft von Gottes Gnaden oder durch vermeintliche Naturnotwendigkeit. Der Mensch ist frei und gleich! Was bei uns heute – leider – in Vergessenheit gerät, war für die drei Vor-Denker das Erkenntnisinteresse und ihr eigentliches Anliegen: Kann man Freiheit und Gleichheit im Paket retten? Gedankenexperimente über den Naturzustand dienen nur der Erklärung ihrer Lösungsvorschläge.

Freiheit oder Diktatur
Interessant für politische Philosophen ist das Spannungsverhältnis, das entsteht zwischen der Forderung nach Freiheit und Gleichheit der Menschen einerseits und der politischen Willensbildung in einem Gemeinwesen, dem Gesellschaftsvertrag, andererseits. Ein Vertrag mindert in jedem Fall die Freiheit und Gleichheit der Menschen. Ein Leben ohne Vertrag ist nur möglich in Einsamkeit und Lebensgefahr. Dann aber ist die Sicherheit des Menschen nicht gewährleistet. Das Spannungsverhältnis ist heute in unserer Demokratie aufgehoben (gerettet) in der Kompromissdemokratie. Es ist die Vermittlung von Einzelwille und Gemeinwille/Gemeinwohl. Der Gemeinwille ist dabei nie statisch, er ist ein dynamischer Prozess der Willensbildung. Dieses politische Spannungsverhältnis müssen wir ertragen. Wir sind nicht unumschränkt frei. Meine Freiheit endet am Grenzzaun der Rechte des Mitbürgers. Und wir sind nur rechtlich gleich, aber ansonsten sehr verschiedene Menschen. Der Vorschlag zur Vergesellschaftung von J.J.R. ist dabei ein Extremvorschlag. Er will Freiheit und Gleichheit ohne Verluste. Dadurch wird das Spannungsverhältnis aufgehoben und die Freiheit wird der Gleichheit geopfert. Das Ergebnis ist eine Diktatur.

tmd.

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